Silent Hill: Downpour

Draussen prasst der Regen harsch auf den Gefangenentransporter, der voll mit menschlichem Abschaum ist. Mörder, Diebe, Sexualstraftäter und anderes Gesindel, das es verdient hat, ein Leben lang hinter Gittern zu sitzen. Alle schweigen. Dann – ein lautes Brummen, das die Fenster und Sitze vibrieren lässt. Der Motor des alten Busses springt an, und die Kiste setzt sich zäh wie Kaugummi, endlich in Bewegung und verlässt den Hof. Augenblicklich wird der Regen stärker. Die Straße schlängelt sich wie eine geifernde Viper durch immer dichter werdene Wälder und angrenzende Hügel- und Bergketten. Die nasse Fahrbahn vor uns verwandelt sich wie in spiegelndes Glas und lässt an lichten Stellen erkennen, dass die Wolken am Himmel grollend, tief und fast beängstigend schnell vorbeirauschen. Nebel zieht auf und wird immer dichter. Man kann kaum noch die Büsche und Bäume erkennen, die sich entlang des Asphalts hangeln. Ich schaue gedankenverloren nach Draussen. Wir passieren ein Straßenschild; die Route 73 Richtung Silent Hill! Ich sehe es, doch es scheint mir unbedeutend, als plötzlich ein Aufschrei durch den Bus hallt. Ich schrecke auf und schaue gebannt nach vorne. Die Straße – sie ist abgerissen. Unaufhaltsam steuert der Bus auf die großen hervorstehenden letzten Reste des Asphalts zu, ehe er in die grenzenlose Tiefe zu stürzen scheint. Hinab in das Grauen…

Unter der Entwicklung von Vatra Games, veröffentlichte Konami dieser Tage den mittlerweile achten Teil der überaus erfolgreichen, doch vor allem extrem beliebten, und vermutlich letzten einzig wahren Survival Horror-Videospielserie „Silent Hill“. Mit Brian Gomez als Creative Head [Jericho] und (erstmals) Daniel Licht [TV-Serie ‚Dexter‘] als Komposer, ergibt sich ein nicht nur sinnbildlich stimmiges, vereinnahmendes „Silent Hill“, sondern auch ein überaus erwachsenes, reifes „Silent Hill“, das den Spieler von Anfang an stilistisch ebenso einbindet, wie durch die komplexe Storyline gefangen hält. In den episch inszenierten Zwischensequenzen eröffnet sich eine komplett neue, antreibende Story, deren Wurzeln – und (spielerischen) Intentionen – tief im Geist der bemerkenswerten Hauptfigur ‚Murphy Pendleton‘ verankert sind, der – scheinbar – nur durch einen „Zufall“ im Örtchen „Silent Hill“ gelandet ist!

Silent Hill: Downpour [Screen] Silent Hill: Downpour [Screen]

Visuelle STRUKTUR und HARMONIE
Die grafischen Gepflogenheiten von „Silent Hill: Downpour“ sind überaus zufriedenstellend, und decken mit zeitgemäßem Anspruch sämtliche visuellen Eigenschaften und Möglichkeiten der aktuellen Konsolengeneration ab. Manchmal offenbaren sich dem Spieler sogar echte ‚Augenöffner‘, deren Detailgrad und technische Ausarbeitung absolut modern sind; diese binden den Spieler dann einmal mehr ins direkte Geschehen ein und faszinieren ihn zugleich! Durchgängig dynamische Licht- und Schatteneffekte, sowie jede Menge atmosphärische Effekte, – wie dicker Nebel, Dunst, Rauch oder Feuer; faszinierend-surreale Physik-„Spielchen“ mit der genutzten Grafik- und Spiel-Engine, und sehr liebevolle Detail- und Charaktermodelle werten etwaig matschige Boden- oder Wandtexturen wieder auf, und verpassen den durchweg eindrucksvoll gestalteten Umgebungen von „Silent Hill: Downpour“ den letzten Schliff. Die Level-Details in den Straßen, doch insbesondere in den Häusern, wirken ganzheitlich und nicht selten einfach beeindruckend real. Sie sind „wirksam“, unterstreichen den Look und definieren den Titel ganz klar als einen der optisch „rundesten“ der gesamten Spielereihe!

SCHMERZENDE Technik
Teilweise heftige Framerateneinbrüche, und damit einhergehende Ruckler-Passagen und Tearing, sowie Pop-Ins und echte Technik-Patzer können hier allerdings ebenfalls nicht unerwähnt bleiben! Für die „Bugkontrolle“ war offenbar keine Zeit mehr. Insbesondere die erwähnten Technikpatzer sorgen innerhalb des Spielverlaufes für einige nervige, aber nicht spielunterbrechende, unkontrollierbare Phasen, in denen der gute, alte ‚Murphy‘ mir nichts – dir nichts, von einer Sekunde zur nächsten, geschätzte zehn Meter nach vorne, links oder rechts schnellt, ohne dass der Spieler die Richtung des Analogsticks auch nur im Ansatz geändert hat. Warum Konami hier nicht abermals „verschoben“ und „korriergiert“ hat, bleibt fraglich, wenn auch in Anbetracht der ‚xten Verschiebung des Titels am Ende doch – irgendwie – verständlich!

Silent Hill: Downpour [Screen] Silent Hill: Downpour [Screen]

POCHEND, fesselnd, anstrengend…
Abseits der „überwiegend“ positiven audio-visuellen Einflüsse des Spiels, ist „Silent Hill: Downpour“ nach einem unverständlich vermurksten Einstieg in die Spielwelt, wahrlich intensiv und absolut erfüllend. Sobald der Spieler „Devil’s Pit“ passiert hat, graben sich die „psycho-aktive“ Storyline und das gnadenlos gute, altbewährte Spielprinzip in den Verstand des Spielers. „Downpour“ entpuppt sich dann als durchgängig fesselnder, pochender, atmosphärisch dichter Genre-Thriller, der mit Ausnahme der misslungenen, sehr anstrengenden „Anderswelt“ nahezu komplett an die inhaltlichen und spielerischen Qualitäten der alten Titel anknüpft – und dabei nicht selten sogar an den originalen, ersten Teil der Serie erinnert!

Die ‚Anderswelt‘ ist übrigens – wirklich – anders, als im eindringlichen Vorgänger „Homecoming“, oder dem brillanten „Origins“,… nämlich extremst linear – und nur erzählerisch von Bedeutung! Trotz der Bemühungen, diese verwirrend „offen“ zu gestalten, ist der Spielablauf in ebendieser wenig überraschend und bis ins letzte „vorherbestimmt“. Die meiste Zeit gilt es zudem – manchmal einzig und allein – vor der „bösen“, alles verschlingenden rotschwarzen „Lichtkugel“ zu fliehen, die nicht bloß die „Anderswelt“, sondern auch ‚Murphy‘ selbst auflöst, sollte sie ihn zufassen bekommen. Warum der Entwickler hier (erneut – wir schon in „Shattered Memories“) auf die Escape-Only-Komponente setzt, bleibt fraglich und kann, auch in längeren Diskussionen, beim besten Willen nicht „logisch“ erklärt werden! Schon in „Shattered Memories“ erwies sich dieses Konzept in der Spielerschaft als zu nervig; zu eintönig, und darüber hinaus für den Verlauf zu irrelevant – und damit schlussendlich unnötig! Einzig die „Übergänge“ in diese Welt bringen, zumindest audio-visuell und in Bezug auf die Engine, noch Spaß!

Silent Hill: Downpour [Screen] Silent Hill: Downpour [Screen]

HÖCHSTES Gut
Doch im Kern von „Downpour“, innerhalb des sagenhaft gruseligen Silent Hill, ist die „Anderswelt“ schnell vergessen. Denn dann formen jede Menge verschlossene Türen, die es zu öffnen gilt, und jede Menge in der Stadt verteilte, persönliche Gegenstände von einstigen Bewohnern, deren zumeist tragische Geschichten erzählt werden wollen, einen hand- und fuß-festen Silent Hill-Teil. Vor allem jedoch dominieren der psychische Terror, ausgelöst durch das bedrohlich schweigsame Silent Hill, zahlreiche platzierte Schreck-Effekte und der trostlose, verlassene Look, sowie das „bedrohliche Nichts“, das auf den Spieler einwirkt! ‚Murphy‘ ist wie auch „seine Vogänger“ von extremen Visionen, Halluzinationen und Ängsten geplagt, die sich dank der Physik- und Storytelling-Engines glaubhaft auf den Spieler übertragen.

Echte Stärke beweist „Silent Hill: Downpour“ zudem in den außergewöhnlich souveränen knackigen Rätsel-Einlagen, die via Schwierigkeitsgrad-Definition am Anfang des Games, unterschiedlich stark ausfallen können. Besonders die Nebenaufgaben des Spiels, die in der gesamten Stadt verteilt sind, werten das altbekannte, brillante „Auf-dem-Weg-durch-die-nächste-Tür“-Gameplay maßgeblich auf! Die Art der Rätsel reicht von intelligenten Logik-Rätseln, über ausdauernde Kombinations- und findige Schalter-Rätsel, denen nicht selten ein antreibendes Such-und-Finde-Element vorausgegangen ist. „Silent Hill: Downpour“ schöpft hier wirklich aus dem ‚Vollen‘ und bedient die Wünsche seines „verwöhnten“ Klientels – sowohl spielerisch als auch inhaltlich – ausnahmslos.

Sowohl in „Silent Hill“, als auch in der deutlich minimierten „Anderswelt“ trifft ‚Murphy‘ natürlich auch auf – etwa eine handvoll – unterschiedliche Gegner. Doch zur Verteidung gibt es nur noch einen Weg! Denn das Kampfsystem ist stark simplifiziert worden, und ermöglicht im Grund nur Angriff, Abwehr – oder Flucht! Mit abwechlsungsreichen Gegenständen aus der Umgebung ausgerüstet, bsp. einem Stein, einer Brechstange oder gar einer Nagelpistole, kann blind auf den Gegner eingeschlagen werden, bis dieser zu Boden geht. Ob der Spieler den „Feind“ dann ins ewige Jenseits befördert oder zuckend am Boden liegen lässt, bleibt jedem Gamer selbst überlassen. Doch als Tipp: „Nette“ Taten wirken sich „nett“ auf eins der (insgesamt 5) bewegend-schrecklichen Enden aus!

Silent Hill: Downpour [Screen] Silent Hill: Downpour [Screen]

Simpel, aber EFFEKTIV
Das starkt vereinfachte Kampfsystem, das bei Schusswaffen indes automatisches Zielen bereithält, ist wirklich passend; wenn auch im Vergleich zu anderen Games oder Vorgängern der Reihe, etwas anspruchslos. Der Spieler erhält durch diese vom Entwickler beschlossene, kreative Entscheidung allerdings die Möglichkeit, sich auf den Kern des Spiels, das Erkunden der schaurigen Kleinstadt und das Lüften des Geheimnisses rund um Silent Hill, zu konzentrieren! Einzig wenn es donnert, blitzt und anfängt zu regnen, MUSS sich der Spieler kurzzeitig mit der Gegnerfrage beschäftigen, denn Unwetter treibt die zumeist einfach gestrickten, aber überaus aggressiven, teilweise starken Gegnerfronten auf die Straße. Und in Gruppen sind diese kaum ernsthaft zu „ertragen“, und führen bei fehlender „Weitsicht“ nicht selten binnen einer Minute zum vorzeitigen Ableben des im Grunde schlagfertigen ‚Murphy‘.

Der Spieler kann sich zum Schutz, im Notfall, in ein ruhiges Haus zurückziehen; kann aber auch einfach die Beine in die Hand nehmen, und sich in einen etwas weniger belebten Straßenzug zurückziehen! Das etwas behäbige Inventar-Menü, das einzig das dauerhafte Tragen einer Einhand-Schusswaffe plus entsprechender Munition, sowie Questgegenstände und Medipacks erlaubt, ist für akute Gefechte nicht geeignet. Das Scrollen der Inventar-Leiste ist merklich „leggy“ – und unterbricht das Spiel außerdem NICHT! Ansonsten gibt es von der eingängigen Bedienung des Titels nichts negatives zu berichten. Die Steuerung geht von Anfang bis Ende flüssig von der Hand, und auch die Kontrollpunkte ermöglichen einen fairen Wiedereinstieg in „Silent Hill: Downpour“. Das Handling ist top!

Das FAZIT: Ein denkwürdiger, waschechter Horror-Trip durch das schaurig-schöne Silent Hill!
Mit „Silent Hill: Downpour“ eröffnet sich dem geneigten Spieler ein komplett neues Psycho-Horror-Adventure der „echten“ Art. Mit atmosphärischer Kulisse, packender Storyline, altbekannten, toll eingebrachten Gameplay-Elementen und fantastischen Hauptcharakteren, erlebt der Spieler ein von Beginn an gut durchstrukturiertes, toll inszeniertes „Silent Hill“, das sich vor seinen legendären Vorgängern nicht zu verstecken braucht! Ganz im Gegenteil: „Silent Hill: Downpour“ versucht das Rad zwar nicht neu zu erfinden; doch GENAU deswegen ist es auch so toll! Trotz nerviger „Anderswelt“, einem verkorksten Einstieg und einigen technischer Mankos, ist „Silent Hill: Downpour“ vor allen Dingen eines: Ein denkwürdiges, ECHTES „Silent Hill“, das sich spielt, wie eines der ersten Teile! Ein Hit!


Die Bilder und das „Silent Hill: Downpour“-Logo sind Eigentum von Konami. „Silent Hill: Downpour“ wurde uns freundlicher Weise von Konami zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen unter: konami.com

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